Predigt zu Joh 18,28-19,5
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Liebe Gemeinde!
Was ist Wahrheit? Diese Frage habe ich mir von Pilatus geborgt. Er stellt sie mit zynischem Unterton. Du willst die Wahrheit sagen? Was hier Wahrheit ist, bestimme immer noch ich, schwingt da mit. Oder: Was ist schon Wahrheit? Und da ist er mit den autoritären Herrschertypen von heute in einem Boot. Wir leben in einer Zeit, in der Wahrheit nur noch sehr schwer von Fakes, Lügen oder alternativen Fakten zu unterscheiden ist.
Was also ist Wahrheit? Kann man das überhaupt sagen?
Ist meine Wahrheit auch Deine Wahrheit? Erleben wir überhaupt dasselbe, wenn wir auch gemeinsam ein Erlebnis haben? Da kommt es auf Erfahrungen, Vorwissen, Einsortierung an. Beim Geschmack zum Beispiel es gibt Menschen, die schmecken im Whiskey Himbeernoten und Eichenholzfässer oder im Wein die Hanglage und die Sonnenstunden… Zu solchen gehöre ich nicht, und trotzdem ist ihre Wahrnehmung (da steckt ja wahr schon mit im Wort) ja nicht falsch, nur weil ich sie nicht nachvollziehen kann. Trotzdem haben sich die Wissenden und Schmeckende mal geeinigt: Dieser Whiskey hat ein Karamellaroma…
Da merkt man schon, dass Wahrheit etwas mit Übereinstimmung zu tun hat. Wenn Menschen übereinstimmend dieselbe Wahrnehmung haben, dann ist das so etwas wie Wahrheit. Wobei es auch hier schon schwierig wird. Als Donald Trump behauptete in Springfield würden Migranten Haustiere essen, stimmten eine ganze Menge an Menschen damit überein (und leider auch mit vielen anderen seiner nachweislichen Falschaussagen). Also kann auch das nicht wirklich ein Kriterium sein. Es ist schwierig mit der Wahrheit.
Apropos Falschbehauptungen und Fake News: Auch die sind in unserer Zeit ja schwer von echten Tatsachen zu unterscheiden. Dank künstlicher Intelligenz braucht man immer mehr eigene, menschliche Intelligenz, um gefälschte Filme oder Bilder von echten Fotografien zu unterscheiden.
Auf Weact kann man gerade eine Petition unterschreiben, die sich gegen sogenannte Deepfakes durch Künstliche Intelligenz richtet. Wir werden in Zukunft nicht mehr unterscheiden können, ob eine Reportage zum Beispiel wirklich Angela Merkel zeigt, die mit Donald Trump Golf spielt oder ob künstliche Intelligenz am Werk war. Ich lese mal den Text der Petition vor, die uns wirklich alle angeht, auch wenn Du jetzt vielleicht sagst, dass du mit dem Internet nichts zu tun hast. Es gib sie leider überall: In der Apothekenzeitschrift, im Fernsehen, in der Zeitung, sogar in privaten Whatsapp Chats:
Durch Künstliche Intelligenz kann man Texte, Bilder, Töne und Videos erstellen, die für Laien kaum noch als Fälschung erkennbar sind. Diese Deepfakes (Tiefe Fälschungen) werden schon jetzt benutzt, um Menschen zu verleumden oder in Verruf zu bringen. Sie werden verwendet für politische Desinformation, Cybermobbing, Rachepornos und gefälschte Produktempfehlungen. Letzteres kann durchaus lebensbedrohlich sein, denn immer wieder wird mit Deepfakes prominenter Persönlichkeiten aus der Medizin für wirkungslose oder schädliche Medikamente geworben.
Manipulative Social Bots, also Social-Media-Konten, die direkt oder indirekt vorgeben, ein Mensch zu sein, es aber nicht sind, verbreiten diese und andere Fakes. Es rollt ein Tsunami aus Fälschungen auf uns zu, der es immer schwerer macht, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Dadurch gefährden Deepfakes und Bots unsere Demokratie, denn Demokratie braucht Vertrauen, und Vertrauen braucht Wahrhaftigkeit. Soweit diese Petition.
Und beim Vertrauen sind wir bei einem interessanten Punkt angelangt, wenn man sich die Wortherleitung im Deutschen von Wahrheit anschaut: Ich zitiere Wikipedia: Wahrheit ist als Abstraktum zum Adjektiv „wahr“ gebildet, das sich aus dem indogermanischen Wurzelnomen (ig.) *wēr- „Vertrauen, Treue, Zustimmung“ entwickelt hat. Wahrheit geht also auf Vertrauen zurück. Ich gehe davon aus, dass der Arzt, der mich behandelt auch die entsprechende Ausbildung hat, er also in Wahrheit ein Arzt ist, der hier in Deutschland zumindest mit bestimmten Standards, die nachprüfbar sind oder waren, einhält.
Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz, massenhaft verbreiteten Falschaussagen und Fake News kommt es also immer wieder darauf an, zu entscheiden, wem wir vertrauen oder auch wem wir vertrauen können, oft auch, wem wir vertrauen wollen. Nochmal zum Arzt: Ich muss nicht immer nachvollziehen können, was die Ärztin genau macht, wenn ich darauf vertraue, dass es schon richtig ist.
Pilatus vertraut auf seinen Machtinstinkt indem er dem Volk die Entscheidung lässt und sich keinen Ärger mit der Oberschicht machen will. Die Schuld von Jesus kann er nicht sehen oder nachweisen. Letztlich geht es hier ja auch um eine religiöse Wahrheit und damit nun wirklich um ein ganz persönliches Vertrauen. Pilatus taktische Spielchen nützen nichts, weder das Zurückgeben in die Hände der herrschenden Religionsführer, noch sein Gespräch mit Jesus noch die Mitleidsmasche bzw. der Trick, Jesus gegen einen nachweislichen Mörder zu stellen, um ihn frei zu bekommen. Wahrheit, auch die Wahrheit des juristischen Urteils das offensichtlich gegen alle tatsächliche Schuld gestellt wird, bestimmt hier der Machthaber und die Masse. Aber genau darum geht dem Evangelisten Johannes auch: Jesus ist unschuldig verurteilt worden.
Um welche Wahrheit geht es nun bei Jesus? Er sagt, sein Reich ist nicht von dieser Welt und sein Königtum hat es damit zu tun, dass er die Wahrheit sagt und das ist das reich Gottes. Vielleicht könnte man sagen, dass die Einsicht, dass Gott alles in allem ist. Oder wie Paulus es in der Rede in der Apostelgeschichte auf dem Aeropag in Athen sagt: Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen alle Menschen gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir!
Das trifft ziemlich genau das, was Jesus mit dem Reich Gottes meint, von dem auch er sagt: Es ist schon längst und immer inwendig in Euch schon da! Diese Wahrheit will er bezeugen, vom Königreich Gottes, von der Liebe, die sich als stärker als der Tod und alle Gewalt erweisen wird. Eine Wahrheit, die politische Systeme und jede Gewaltanwendung, auch die der Kirchen, überdauern wird. Ein Königreich in der Tiefe des Lebens. Eine Wahrheit, die sich mitten in den Herzen der Menschen befindet, die aber nicht in Worte gefasst werden kann, die täglich millionenfach gelebt wird und doch ein Geheimnis bleibt. Die Königsherrschaft Gottes, der Sieg des Lebens durch die Kraft allen Lebens in allem Leben… Eine seltsame Königsherrschaft, die auch vor dem Tod nicht halt macht, sondern Tod, Leid, Gewalt, Angst, Not, Krankheit und alle Kräfte die lebenskraft-raubend auftreten kurzerhand umarmt und überwindet.
Gut, liebe Gemeinde, Pilatus lässt sich hier nicht auf solch mystische Spekulationen und Predigtgedanken ein, wie ich das hier tue. Er bleibt bei seiner Frage nach der Wahrheit.
Was aber Wahrheit ist, ist schwer zu sagen. Was sich als wahr erweist, ist es wohl auch - aber das weiß man bekanntlich oft erst hinterher. Pilatus und allen, die absolute Beweise brauchen und doch eine Sehnsucht nach Glauben und Halt in einer alles übersteigenden Kraft haben empfehle ich: Einfach ganz spielerisch und rein experimentell annehmen, dass die Sache mit Jesus wahr ist, dass Liebe stärker ist als der Tod, dass Gewalt aufhört, wenn Menschen sich – durch wen auch immer – zu einem liebevollen und mitfühlenden Umgang inspirieren lassen. Schaden kann diese experimentelle, versuchte, angenommene Wahrheit niemandem, aber sie kann sich evtl. als richtig und wahr herausstellen. Insofern: Gute Frage Pilatus!
Drei Dinge zum Schluss:
Erstens wenn Euch das jetzt zu spekulativ war und ihr sagt: Ich bleibe dabei: Ich glaube nur was ich sehen, anfassen oder begreifen kann, dann folgende kleine Geschichte: Albert Einstein hält einen anspruchsvollen Vortrag über das Verhältnis von Raum und Zeit. Als er fertig ist, steht ein Zuhörer auf und widerspricht: „Was Sie hier ausgeführt haben, ist mir viel zu spekulativ. Wir sind doch nicht in der Kirche. Nach meinem gesunden Menschenverstand kann es nur das geben, was man sehen und überprüfen kann." - Einstein lächelt und antwortet: „Dann kommen Sie doch bitte nach vorne und legen Ihren gesunden Menschenverstand hier auf den Tisch, damit wir ihn sehen und überprüfen können."
Zweitens: Wenn viele Fakten gar nicht überprüft werden können, also gar nicht immer klar ist, was gerade die Wahrheit ist, dann glaubt doch, was Euch gut tut, zum Beispiel daran, dass die Liebe stärker ist als der Tod und wir tief in unserem innersten Wesenskern von Gott erfüllt sind und dort in diesem heiligen, geschützten Bereich nichts an uns rankommt, was uns schadet. Ein wenig illustriert das ein weiteres Gedankenexperiment: Stell dir vor, du überholst gerade völlig angemessen auf der Autobahn einen LKW und hinter dir kommt ein rasender Vollidiot mit einem krass schnellen Auto, fährt dicht auf und bei nächster Gelegenheit mit einem Affenzahn an dir vorbei. Du wirst dich vielleicht erschrecken und wahrscheinlich sogar richtig ärgern, über diesen Vollidioten, je nach deinem Temperament. Und du wirst nie herausfinden, warum er so rast. Wenn du weiter denkst Vollidiot, ärgerst du dich weiter. Aber wenn du das nächste Mal in so einer Situation denkst: das ist bestimmt ein werdender Vater, der zur Geburt seines ersten Kindes zu seiner Frau noch rechtzeitig im Krankenhaus ankommen will, denkst vielleicht anders und müssen sich weniger ärgern und haben vielleicht sogar Verständnis. Wie gesagt, das ein ist so wahr-scheinlich, wie das andere nur so gibt es weniger Stress…
Drittens: Alles, was ich jetzt gesagt habe, entspricht natürlich der vollen Wahrheit, so wie ich sie verstanden habe, allerdings steht alles unter dem Vorbehalt, dass die Wahrheit und der Friede Gottes, höher sind als alle Vernunft und Gott immer mehr ist als wir denken können, Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Hier kommt der Predigttext:
Johannes 18,28-19,5
Jesu Verhör vor Pilatus
Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet. Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten. So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.
Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?
Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe? Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber.
Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn auspeitschen. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!